Der Gesandte Allahs hat gesagt: „Wer auf der Suche nach Wissen hinauszieht, der ist auf dem Wege Allahs, bis er wiederkehrt. (Anas; Tirmidhi)

Scharia-konforme Anleihen boomen

26 Jun

Scharia-konforme Anleihen boomen

Trotz Zinsverbot finden sich in der islamischen Welt «festverzinsliche» Wertpapiere. Sukuk-Bonds werden nun vermehrt auch vom Westen entdeckt.

Mit dem arabischen Raum verbindet der hiesige Anleger in der Regel kriegerische Konflikte und Erdölabhängigkeit. Deshalb ist es erstaunlich, dass ein boomendes Finanzprodukt, das keine Korrelation zum Energieträger aufweist, aus ebendieser Region stammt. Der Markt für Sukuk-Anleihen ist seit dem Jahr 2000 jährlich um rund 23% expandiert und wies per Ende 2016 ein Volumen von schätzungsweise 400 Mrd. $ aus.

Sukuk ist ein Anleihen-ähnliches Finanzinstrument, das mit der Scharia, dem islamischen Recht, konform ist. Gemäss der Scharia gelten Zinsen als Wucher, weil aus Geld kein Mehrwert entstehen kann. Anlagen, die das Risiko teilen, wie etwa Aktien oder Immobilienbesitz, hatten nie Schwierigkeiten, Scharia-konform zu sein. Einige Sektoren wie Tabak, Waffen, Glücksspiel und Schweinefleisch-Verarbeitung dürfen jedoch nicht berücksichtigt werden. Die Herausforderung stellen Instrumente aus dem festverzinslichen Bereich dar.

Lange gab es im islamischen Raum nichts, was einer traditionellen Anleihe entsprach. Dafür wurde der Sukuk, erstmals kurz nach der Jahrtausendwende in Malaysia, lanciert. Er ist ein Amalgam aus modernem strukturiertem Finanzprodukt und Anforderungen des islamischen Rechts. Die Sukuk-Anleihe ist kein Schuldeninstrument wie der Bond, sondern ein Equity-Produkt, das zukünftige Cashflows, Mieten oder Leasing-Einnahmen bündelt. Anstelle eines Zinses erhält der Sukuk-Halter einen (fest definierten) Teil des Gewinns, der Miete usw. Am Ende der Laufzeit von meist fünf bis zehn Jahren erhält der Investor seinen Einsatz zurück.

Politische Spannungen und schwacher Erdölpreis

Vor einigen Jahren schienen Scharia-konforme Anlagen und Islamic Banking der letzte Schrei in der westlichen Finanzwelt zu werden. Kriege im Irak, in Syrien und Jemen, die gewaltsame Niederschlagung des Arabischen Frühlings sowie der Einbruch des Erdölpreises haben diese Entwicklung im Westen aber wieder gebremst. Natürlich gebe es viele Probleme im Nahen Osten, räumt Mohieddine Kronfol ein, doch man habe im Westen die Tendenz, die Probleme überzubewerten und das Positive zu übersehen. Kronfol verwaltet für Franklin Templeton einen globalen Sukuk-Fonds und einen für die GCC-Region (Golf Cooperation Council). Die Staaten des Golf Cooperation Council (Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, UAE) seien stabil und die herrschenden Familien schon lange an der Macht. Wegen dieses einseitigen Blickes seien die Risiken in den Marktpreisen berücksichtigt, die Chancen jedoch nicht in vollem Umfang, glaubt Kronfol. Im vergangenen Jahr emittierten die Staaten des GCC über 70 Mrd. in Dollar-Anleihen und liessen damit Regionen wie Südamerika und Asien ohne Japan und China hinter sich.

In der Krise Fundament gestärkt

Die arabischen Staaten, die bisher hauptsächlich von ihrem Reichtum an fossilen Energieträgern gelebt haben, sind bestrebt, ihre Ökonomien zu diversifizieren und den Staatsapparat zu modernisieren. Die durch Sukuk-Anleihen aufgenommenen Mittel werden vor allem für diesen Umbau eingesetzt. Die Kosten der Staaten haben sich im vergangenen Jahrzehnt mehr als verzehnfacht. Nachdem die Erdölpreise in den letzten Jahren eingebrochen waren, verwandelten sich Budgetüberschüsse in Defizite. Das hat die Staaten veranlasst, strukturelle Reformen einzuleiten und die Einnahmen zu stabilisieren – dazu wurde etwa das Steuersystem modernisiert, Mehrwertsteuern wurden eingeführt und die Ausgaben reduziert. Die GCC-Region hat gemäss Kronfol dadurch ein nachhaltigeres Fundament erhalten.

Islamic Finance
Finanzsystem ohne Zinsen
von Martin Maniera

Die Erdölpreisschwäche der vergangenen Jahre hat sich positiv auf die Kreditqualität ausgewirkt, denn sie zwang die Länder, die Abhängigkeit vom Erdöl zu reduzieren, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen, den Privatsektor attraktiver zu machen und Subventionen auf Energieträgern zu reduzieren. Die UAE sind dabei am weitesten fortgeschritten, lediglich noch 30% des BIP sind erdölabhängig.

Keine Erdölinvestitionen

Mit Sukuk-Anleihen investiert man kaum in Erdöl- und Energiegesellschaften, weil diese meistens dem Staat gehören. Emittenten der Papiere sind vor allem Banken, Versicherungen, Airlines, Telekom und Immobiliengesellschaften. In die Bonds ist zudem ein Zeitpuffer zum Erdölpreis von mehreren Jahren eingebaut. Als Erstes reagieren jeweils die Regierungen auf Preisveränderungen. Bis diese Massnahmen in den Gesellschaften ankommen, die Sukuk emittieren, braucht es eine gewisse Zeit. «Deshalb ist es für einen Sukuk-Investor nicht entscheidend, ob er bullish oder negativ auf den Erdölpreis blickt», erklärt Kronfor, es gebe keine Korrelation.

Die Beurteilung der Rating-Agenturen entspricht etwa jener für westliche Anleihen. Wegen der Staatsdefizite wurden in den letzten Jahren zahlreiche Staaten zurückgestuft. Die Region als Ganzes ist aber aus Rating-Sicht «anlagewürdig». In der heutigen Welt gibt es wenige Wirtschaftsblöcke, die in Dollar denominierte Anleihen mit Investment-Grade ausgeben.

Gesuchtes Investment-Produkt

Die Nachfrage nach Sukuk-Bonds ist grösser als das Angebot. Dies ist ein Grund für die Attraktivität dieser Anlage. Weitere Gründe sind die tiefe Korrelation mit den traditionellen Märkten und die tiefe Volatilität. Die wichtigsten Treiber sind jedoch die strukturellen Reformen, gekoppelt mit einer vielversprechenden Marktentwicklung. Trotz dem schwachen Erdölpreis verleihen die hohen Reserven an fossilen Brennstoffen den Ländern Stabilität. Die Knappheit im Sukuk-Markt wird durch die Nachfrage westlicher Investoren, die die fehlende Korrelation und die tiefe Volatilität schätzen, verstärkt. Im Herbst des vergangenen Jahres nahm die Bank J. P. Morgan zahlreiche Sukuk-Bonds in ihre traditionellen Bond-Indizes auf. Das zeugt davon, dass diese Art von Anleihen mehr Mainstream geworden ist.

«Unser Sukuk-Fonds hat in den vergangenen dreieinhalb Jahren um rund 30% zugelegt – und dies, obwohl der Erdölpreis um 70% nachgab, in Griechenland die Krise eskalierte und die Briten für den Brexit stimmten», sagt Kronfol.

In vielen Bereichen könnten die Emirate am Golf ein Rollenmodell für die Region oder darüber hinaus werden. Bezüglich Flug- und Logistikgesellschaften sind die Emirate bereits ein Schwergewicht. Im Bereich autonomes Fahren oder Hyperloop (Hochgeschwindigkeits-Transportsysteme in Tunnels) wollen sich die Länder auch als Pionier positionieren. Zahlreiche Regierungen betrachten hier etwa Dubai als Vorbild.

Vom Brexit profitieren

Mittlerweile gibt es nicht nur in Malaysia und Arabien Sukuk-Anleihen, sondern auch in Hongkong, Südafrika und Indonesien. Zukünftige positive Katalysatoren für den Markt könnten etwa die Öffnung des saudischen Aktienmarktes oder des Finanzmarktes in Iran sein, der zu einem der grössten Schwellenländermärkte würde. Der Markt wird vor allem von lokalen Banken beherrscht. Aber immer mehr westliche Anbieter erkennen die Vorteile des Scharia-konformen Investierens. Als Sukuk-Leader hat sich die Börse in Dubai positioniert. Der gesamte Nennwert aller kotierten Islamic Bonds stieg im vergangenen Jahr auf gegen 50 Mrd. $. Kein anderer Kapitalmarkt auf der Welt vereint mehr Sukuk auf sich. Der Austritt Grossbritanniens aus der EU könnte zudem viel Scharia-konformes Kapital aus London, dem Zentrum der Islamic Finance in Europa, in den Nahen Osten umleiten – das hoffen zumindest die islamischen Banken am Golf.

Quelle: https://www.nzz.ch/finanzen/sharia-konforme-anleihen-boomen-viel-versprechende-anlage-mit-dem-segen-allahs-ld.1289212