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News-Archiv für das Jahr 2008


ISLAMIC FINANCE BRAUCHT EINE LOBBY



Pressebericht zum 1. IIR „Islamic Finance & Real Estate Forum“ am 4. und 5. November 2008 in Frankfurt

  • Krise eröffnet Chancen für alternative Finanzprodukte
  • Image von Islamic Finance in der westlichen Welt fördern
  • Bedarf und Marktvolumen unklar
  • Harmonisierung von Scharia-Interpretationen

Frankfurt, November 2008. Finanzprodukte, die dem islamischen Recht (Scharia) entsprechen, können in der weltweiten Finanzkrise eine Alternative zu herkömmlichen Investitionen sein. Noch aber sind die Voraussetzungen dafür gerade in Deutschland nicht geschaffen: Die Scharia hat ein schlechtes Image, über das Volumen des Islamic-Finance-Marktes liegen keine ausreichenden Zahlen vor, und eine Durchsetzung hängt von der Marktregulierung ab. „Islamic Finance bietet attraktive und profitable Produkte, aber es ist nicht das Finanzsystem von morgen und nicht das Allheilmittel in der Krise“, urteilte Prof. Dr. Volker Nienhaus, Präsident der Universität Marburg, auf dem 1. IIR „Islamic Finance & Real Estate Forum“, das am 4. und 5. November in Frankfurt stattfand. Wirtschafts-, Rechts- und Islamexperten aus Europa und Asien legten auf der Veranstaltung dar, wie sich konventionelle und islamische Finanzprodukte unterscheiden und wie Verträge auf Scharia-Konformität geprüft werden können. Diskutiert wurde über die Chancen von Islamic-Finance-Angeboten auf dem europäischen Markt. Ergebnis: Lobbyismus tut not. Mushtak Parker, Herausgeber des Londoner Islamic Banker Magazine, verbreitete jedoch Optimismus: „Von allen europäischen Ländern sollte Deutschland die höchste Affinität zu Islamic Finance haben, denn hier gibt es starke historische Strukturen wie Genossenschaftsbanken und Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit.“


Terminologie entscheidend

„Wer in Islamic Finance einsteigen will, muss die Terminologie lernen“, konstatierte Dr. Adnan Aziz, Head of Shariah Advisory & Structuring bei BMB Islamic in London. Ein Teilnehmer des Forums machte darauf aufmerksam, dass die Terminologie nicht immer eindeutig sei: Viele arabische Wörter aus dem Islamic-Finance-Vokabular hätten sowohl eine fachspezifische Definition als auch eine umgangssprachliche Bedeutung. Einen wesentlichen Unterschied zwischen dem westlichen und dem islamischen Finanzsystem erklärte Alberto G. Brugnoni, Präsident und Gründungsmitglied der Gesellschaft zur Entwicklung alternativer und innovativer Finanzinstrumente (ASSAIF) in Mailand: „In der westlichen Welt ist Geld zu einem Handelsprodukt geworden, in der islamischen Welt ist es ein reiner Wertmaßstab.“


Grundlagen für Islamic Finance: Koran, Sunnah, Scharia, Fiqh

Jalalle Chahboune, Direktor des Institute for Islamic Banking & Finance (IFIBAF) in Frankfurt, nannte als Wurzeln des islamischen Rechts den Koran und die Sunnah. Der Koran sei das „Wort Gottes“, die Sunnah das „Wort des Propheten“. Professor Nienhaus erläuterte, die islamische Ideologie und Wirtschaft seien von diesen beiden Quellen inspiriert. Als islamische Rechtsgrundlage seien die Quellen in der Scharia kodifiziert. „Islamic Finance basiert insofern auf dem islamischen Wirtschafts- und Rechtssystem, wobei zwischen Islam und Scharia zu differenzieren ist“, führte Nienhaus aus. Dr. Mohd Daud Bakar, Präsident und CEO des International Institute of Islamic Finance (IIIF) in Kuala Lumpur, ging auf die islamische Rechtsprechung ein: „Quelle des islamischen Rechts ist die Fiqh. Das sind von Menschenhand geschaffene Regeln, die auf von Gott gegebenen Prinzipien, der Scharia, basieren.“ Raficq Abdulla, Dozent an der Kingston University in London, merkte an, die Fiqh sei abhängig von der Gesellschaft, in der sie angewendet werde. Die Scharia enthalte zum einen Vorschriften zur religiösen Andacht, zum anderen zum Verhalten in einer „ordentlichen, gottesfürchtigen Gesellschaft“. Den Rahmen der Scharia bildeten der Glaube an einen Gott, Maßgaben für Verstöße, Buße und Strafen sowie bürgerliche Regeln, die auch für den Finanzbereich gälten. „Verboten sind Zinsen und Wucher, Verträge mit unmoralischem oder pornographischem Inhalt, Geschäfte mit Waffen, Rauschmitteln und bestimmten Lebensmitteln sowie Glücksspiel und Verträge mit Unsicherheiten“, so Abdulla. Die Scharia fordere insofern Transparenz und klare Regeln


Imageproblem – Islamic Finance entmystifizieren

Abdulla sprach das schlechte Image an, das die Scharia in der westlichen Welt habe. Sie werde vielfach als ein „fremdartiges Rechtssystem“ gesehen und hauptsächlich mit Fokus auf Sünden und Grausamkeit wahrgenommen. Dies führe zu einer „Islamophobie“: „Die Menschen fürchten sich vor dem Islam und damit vor der Scharia.“ Mushtak Parker bestätigte, dass Missverständnisse bestünden, wenn „islamisch“ mit Fundamentalismus oder sogar Terrorismus assoziiert werde. Er forderte, Islamic Finance müsse „entmystifiziert“ werden. In einer globalisierten Welt müsse man sich mit der Kultur, dem Rechts- und Wertesystem des Islam befassen, sagte Abdulla. Die Scharia sei flexibler als die Menschen im Westen dächten, und das Interesse wachse. Die Vertragsfreiheit sei eine wesentliche Grundlage des islamischen wie des westlichen Wirtschafts- und Rechtssystems. „Die Scharia ist kein fremdartiges Konstrukt, sondern eine lebende Einheit“, befand der Islamexperte. Beispielsweise seien scharia-konforme Handels- und Finanzverträge mit dem britischen Rechtssystem kompatibel. Wirtschaftswissenschaftler Nienhaus machte klar, Islamic Finance sei nicht mehr ideologischer Gegensatz, sondern Bestandteil des globalen Finanzsystems.


Geschichte von Islamic Finance – Chancen in der Finanzkrise

IFIBAF-Direktor Chahboune skizzierte die Ursprünge von Islamic Finance: Die erste islamische Bank sei 1963 in Ägypten gegründet worden, 1983 habe der Iran als erster Staat ein hundertprozentig islamisches Bankensystem eingeführt. Journalist Parker lenkte den Blick auf Großbritannien, wo es Islamic Finance seit den 1970er Jahren gebe. Viele muslimische Länder seien vertraut mit dem englischen Rechtssystem und der englischen Geschäftspolitik, nachdem Familien aus den Staaten des Golf-Kooperationsrats, Malaysia, Indien und Südafrika seit mehr als 30 Jahren in London und in der Schweiz Finanzgeschäfte tätigten. Parker hob die starke Regierungsunterstützung für Islamic Finance in Großbritannien hervor. London werde demnächst sieben islamische Banken haben. Abdulla präzisierte: „Die britische Regierung hat entscheiden, dass London ein Islamic-Finance-Zentrum werden soll. Das bedeutet aber kein Monopol.“ Parker zufolge fehlt im übrigen Europa bislang ein systematischer Ansatz. Die wichtigsten europäischen Märkte für Islamic Finance seien neben Großbritannien Deutschland, Skandinavien, Frankreich und Spanien; Abdulla zählte auch Italien dazu. „In der Finanzkrise haben alternative Finanzprodukte eine Chance“, meinte Parker und verkündete, in der Finanzkrise könne der Islamic-Finance-Sektor unter Beweis stellen, dass er das bessere System sei. Islamic Finance sei von Natur aus konservativ; Investitionen würden daher in Märkten mit einer geeigneten Regulierungs-, Rechts- und Rechnungswesen-Infrastruktur getätigt. Islamic Finance sei ein „Spiel zwischen Politik und Wirtschaft“ und habe die Marktregulation und Überwachung zum Kern. Wirtschaftspolitik-Fachmann Nienhaus bekräftigte, ein strenges regulatorisches Umfeld sei günstig für Islamic Finance.


Analogien zwischen islamischen und konventionellen Verträgen

Chahboune erklärte die Funktionsweise von Islamic Finance. Die Bedürfnisse der Banken- und Finanzwelt würden durch einen „Scharia-Filter“ geschleust, aus dem dann islamische Finanzprodukte hervorgingen. Nienhaus sagte, Islamic Finance betreffe in erster Linie die Vertragsgestaltung. Chahboune beschrieb den Zertifizierungsprozess: „Ein Shariah Board prüft das Konzept und das Vertragswerk von Finanzprodukten auf Übereinstimmung mit der Scharia, bevor die Produkte angeboten werden und wenn sie im Verkehr sind.“ Islamische Finanzprodukte basierten auf Fremdkapital, Eigenkapital oder Leasing. Insofern bestünden Analogien zu bekannten Vertragsformen: „Murabaha ist ein Kauf mit Zahlungsaufschub, Mudaraba ist ein Joint Venture, Bay Salaam ist ein Kauf mit Vorauszahlung, und Musharaka ist eine Venture-Capital-Vereinbarung.“ Dr. Adnan Aziz führte noch Ijara als Leasingvertrag an. Er sprach über Sukuk, islamische Kapitalmarktinstrumente, die immer scharia-konforme Vereinbarungen und Projekte umfassten. Sukuk bedeute übersetzt so viel wie „Finanzvertragsdokumente“ und sei insofern ein Oberbegriff für Kauf-, Partnerschafts- und Leasingverträge.


Harmonisierung, Marketing und Training

Dr. Mohd Daud Bakar wies darauf hin, dass die Internationalisierung von Finanzprodukten und -dienstleistungen sich auf die Scharia-Anwendung auswirke, beispielsweise beim Risikomanagement. Interpretationen der Scharia seien dynamisch und offen für juristische Auslegung. Mushtak Parker bestätigte, Shariah Boards könnten unterschiedliche Ansichten vertreten. Volker Nienhaus unterschied zwischen verschiedenen Scharia-Instanzen für Islamic Finance: Supranational wirkten Organisationen wie AAOIFI (Accounting and Auditing Organisation for Islamic Financial Institutions) und IFSB (Islamic Financial Services Board), national gebe es Shariah Boards von Staatsbanken und institutionell Shariah Supervisory Boards von Einzelbanken. Bakar hielt eine Harmonisierung der Scharia-Interpretationen für wünschenswert. Möglich sei diese durch Standards, gegenseitige Achtung und eine weltweit übergeordnete Scharia-Instanz. „Die Einrichtung eines Shariah Global Supreme Board ist aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht zu empfehlen“, so Bakar. Parker schlug als nächsten Schritt für Deutschland nationale und EU-weite Initiativen vor, um Aufklärung und Marketing für Islamic Finance zu betreiben sowie Scharia-Beratung und Regulierung zu etablieren. Nienhaus empfahl Trainings auf internationaler Ebene: „Banker müssen im Scharia-Recht geschult werden und Scharia-Gelehrte im Wirtschaftswesen, und zwar nicht nur in Finanzbereich.“


Potenziale des „Nischenmarkts“

Nienhaus mahnte, im Islamic-Finance-Sektor nicht nur Wachstumsraten zu betrachten, sondern absolute Zahlen und Marktanteile. Er verwies auf die „Islamic Windows“ konventioneller Banken, die ein großes Marktvolumen hätten, über das kaum Zahlen vorlägen. „Konventionelle Banken versuchen, ihre Produkte zu islamisieren“, beschrieb er die Entwicklung. Nienhaus schätzte das Islamic-Finance-Volumen in Deutschland auf eine Größenordnung, die „zwei Sparkassen“ abdecken könnten. Er rief dazu auf, den Bedarf der muslimischen Bevölkerung in Deutschland an islamischen Finanzprodukten zunächst genau zu ermitteln. Außerdem müssten die wirtschaftlichen Bedürfnisse islamischer Banken in Mischsystemen berücksichtigt werden, die zu 80 bis 90 Prozent aus konventionellen Banken bestünden. Auch Keith Leach, Head of Alburaq bei der ABC International Bank in London, forderte dazu auf zu ermitteln, wie viele Muslime an reinen scharia-konformen Finanzprodukten interessiert seien. Wie Nienhaus regte er Aufklärung und Schulung an und wies darauf hin, dass der Rahmen von Scharia-Konformität nicht immer eindeutig sei. „Die Menschen müssen verstehen, wann und warum Produkte scharia-konform sind, und hinterfragen, ob sie es wirklich sind“, erläuterte Leach. Die Produkte müssten flexibel und preislich wettbewerbsfähig sein, und die Unterstützung von Regierungen, Regulierungsbehörden und Gesellschaft bis hin zu Stützungskäufen sei erforderlich. Dr. Mohd Daud Bakar erklärte, die Voraussetzung für Produktinnovationen sei die Möglichkeit, neue Produkteigenschaften vorzuschlagen. Dr. Adnan Aziz nannte als eine bereits anstehende Innovation austauschbare Sukuk-Strukturen. Mushtak Parker bescheinigte der islamischen Versicherungsalternative Takaful ein noch größeres Potenzial als Islamic Banking und bezeichnete dieses Instrument als das „Aschenputtel des Islamic-Finance-Sektors“. ASSAIF-Präsident Alberto Brugnoni zeigte sich zuversichtlich: „Islamic Finance wird bald auch im alten Europa die bevorzugte Wahl werden.”


Kontakt:

Carsten M. Stammen
Pressereferent

IIR – Ein Geschäftsbereich der Informa Deutschland SE
Westhafenplatz 1
D-60327 Frankfurt am Main
Tel.: +49 (0) 69 / 244 327-3390
E-Mail: carsten.stammen@informa.com



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